Die Notte della Taranta ist das größte Festival für Volksmusik in Italien: Jeden August zieht es durch rund zwanzig Orte des Salento und endet mit einem großen Abschlusskonzert, dem Concertone, in Melpignano bei Lecce. Der Eintritt zum Concertone ist frei. Die 29. Ausgabe im Jahr 2026 leitete der Sänger Ermal Meta, unter dem Motto «Die Wege des Mittelmeers». Hier lesen Sie, wie das Festival funktioniert, wer 2026 auf der Bühne stand und woher die Musik kommt.
Jedes Jahr im August wird ein kleiner Ort im Süden Apuliens für eine Nacht zum Zentrum der italienischen Volksmusik. Die Notte della Taranta – wörtlich «Nacht der Tarantel» – ist kein einzelnes Konzert, sondern ein Wanderfestival: Es beginnt Ende Juli, macht in rund zwanzig Gemeinden des Salento Station, viele davon in der Grecìa Salentina, und findet seinen Höhepunkt im Concertone in Melpignano (Provinz Lecce). Gespielt wird die Pizzica, der schnelle Tanz des Salento, der lange vor der Bühne ein Heilritual war.

Die Ausgabe 2026: Ermal Meta und «Die Wege des Mittelmeers»
Jedes Jahr übergibt die Stiftung des Festivals die musikalische Leitung einem anderen Künstler, dem Maestro Concertatore – sinngemäß dem «Dirigenten und Arrangeur» des Abends. 2026, bei der 29. Ausgabe, war das Ermal Meta. Das Motto der Ausgabe lautete «Le vie del Mediterraneo», die Wege des Mittelmeers: das Meer nicht als Grenze, sondern als Raum der Begegnung zwischen Kulturen, Völkern und Geschichten.
Wer ist Ermal Meta, und warum passte die Wahl so gut? Ermal Meta wurde in Fier in Albanien geboren und kam mit 13 Jahren nach Bari, während des großen Exodus nach dem Ende des kommunistischen Regimes. Seine Geschichte ist die einer Migration, aus der Verwurzelung geworden ist – Apulien als Land, das Ankommende aufnimmt und daraus Kultur macht. Er hat das Festival von Sanremo gewonnen, Italiens wichtigsten Liederwettbewerb, und gehört zu den geschätztesten Liedermachern des Landes. Schon beim Concertone 2025 stand er in Melpignano auf der Bühne: mit Lule Lule, einem alten Liebeslied in Arbëresh, der Sprache der seit Jahrhunderten in Süditalien ansässigen Albaner, und mit Mediterraneo aus seinem Album Buona fortuna. Zu seiner Ernennung sagte er: «Es ist sehr bewegend, Teil einer so tiefen Tradition zu sein. Es ist auch eine große Verantwortung. Es ehrt mich, dass man mich gewählt hat. Es lebe die Notte della Taranta, es lebe Apulien!»
Für Ermal Meta war 2026 auch sonst ein intensives Konzertjahr: Er nahm am Festival von Sanremo teil, beendete im Mai seine Clubtournee und spielte ab Juni wieder unter freiem Himmel. Der Concertone in Melpignano war einer der zentralen Termine seines Sommers.
Das Motto und die Person passten zusammen. Der Historiker Fernand Braudel beschrieb das Mittelmeer nicht als eine einzige Zivilisation, sondern als viele übereinandergelagerte. Ermal Metas eigener Weg von Albanien nach Apulien ist ein Stück dieses Mittelmeers, in erster Person erlebt.
«Die persönliche Geschichte von Ermal Meta, geprägt von der Erfahrung der Migration und der Ankunft in Apulien in den Neunzigerjahren, erzählt von Aufnahme, vom Dialog zwischen den Völkern, von einer Kultur, die sich nicht verschließt, sondern dem Anderen öffnet. Gerade in jenen Jahren galt Apulien international als Beispiel für Solidarität und Menschlichkeit, bis hin zum Vorschlag, der Region den Friedensnobelpreis zu verleihen.» – Massimo Bray, Präsident der Stiftung La Notte della Taranta
Die Etappen: zwanzig Abende vor dem großen Finale
Der Concertone ist nur das Ende einer langen Reise. Vor dem Finale zieht das Festival Abend für Abend von Dorfplatz zu Dorfplatz. Viele Etappen liegen in der Grecìa Salentina, einer Gruppe von Gemeinden südlich von Lecce, in denen noch das Griko gesprochen wird – ein Dialekt griechischen Ursprungs, eine Sprachinsel, die es so nur hier in Italien gibt. Mit dem heutigen Griechenland hat sie nichts zu tun.
2026 machte das Festival in diesen Orten Station: Corigliano d’Otranto, Zollino, Cursi, Carpignano Salentino, Calimera, Sogliano Cavour, Nardò, Alessano, Galatone, Cutrofiano, Sternatia, Sant’Andrea (Ortsteil am Meer von Melendugno), Ugento, Muro Leccese, Martignano, Lecce, Soleto, Galatina, Castrignano de’ Greci und Martano – und zum Schluss Melpignano mit dem Concertone.
Der Choreograf: Fredy Franzutti
Neben dem Maestro Concertatore ernennt das Festival jedes Jahr einen Choreografen, der die Bewegungen des Tanzensembles auf der Bühne von Melpignano gestaltet. 2026 fiel die Wahl auf Fredy Franzutti, einen der vielseitigsten und bekanntesten Choreografen Italiens, der auch international an renommierten Häusern arbeitet.
Seine Aufgabe: die musikalische Vision des Maestro Concertatore in Gesten und Bewegung zu übersetzen, so dass die traditionelle Pizzica mit der Sprache des zeitgenössischen Tanzes ins Gespräch kommt. Jedes Jahr entsteht so etwas Einmaliges, das sich von der vorigen Ausgabe unterscheidet, weil es um das Motto und die Persönlichkeit des jeweiligen Maestro herum gebaut wird.
Der Maestro Concertatore und das Orchestra Popolare
Der Maestro Concertatore ist jedes Jahr ein Künstler mit internationalem Namen, der das Repertoire der Pizzica mit seiner eigenen musikalischen Handschrift neu liest. Ermal Meta wurde vom Verwaltungsrat der Stiftung gewählt. Vor ihm hatten unter anderen Daniele Sepe, Joe Zawinul, Stewart Copeland, Vittorio Cosma und Shablo diese Rolle – jede Ausgabe eine andere Lesart derselben Tradition.
Das Orchestra Popolare – ein Ensemble, das es in Italien nur einmal gibt. Rund sechzig Musiker der Volksmusiktradition – an Schellentrommel (Tamburello), diatonischer Handharmonika (Organetto), Chitarra battente (einer alten süditalienischen Gitarre, deren Saiten geschlagen werden), Geige und Flöte – arbeiten Seite an Seite mit dem Maestro des Jahres. Ein festes Ensemble ist es nicht: Es kommt jedes Jahr für das Festival zusammen und probt in den Wochen vor dem Concertone intensiv. Ein lebendiges Labor, in dem mündliche Überlieferung und notierte Musik, Volkskultur und Kunstmusik, Salento und Welt aufeinandertreffen.
Auch 2026 probte das Orchestra Popolare in den Wochen vor dem Finale gemeinsam mit Ermal Meta. Wie bekannt das Ensemble inzwischen in ganz Italien ist, zeigte sich schon am 1. Mai 2026: Da stand es wieder auf der Bühne des großen Konzerts zum Tag der Arbeit auf der Piazza San Giovanni in Rom – 22 Jahre nach seinem ersten Auftritt dort im Jahr 2004 mit Stewart Copeland. Live auf Rai 3 beschloss es den Abend mit fünf traditionellen Stücken: Pizzica di Copertino, Kalinifta, Pizzica di San Vito, Fimmene Fimmene und Pizzica di Aradeo. Die Choreografien stammten ebenfalls von Fredy Franzutti, getanzt von Stefano Campagna, Michaela Coluccia, Silvia Desiderio und Christopher Vasquez.
Vor dem Finale: der Pre-Concertone
Der Abschlussabend beginnt traditionell nicht direkt mit dem Concertone, sondern mit dem Pre-Concertone, einem Vorprogramm auf derselben Bühne. 2026 traten dort die Schülerinnen und Schüler des Progetto Matria, die jungen Leute der Associazione I Sempre Vivi und Enza Pagliara mit der Festa Adriatico Balcanica auf – ein Auftakt, der Stimmen, Wurzeln und Generationen zusammenbrachte, ganz im Zeichen des Mittelmeer-Mottos.
Die Gäste des Concertone 2026
Auf der Bühne von Melpignano standen 2026 Künstler aus sehr unterschiedlichen musikalischen Welten. Als Namen aus der Popmusik waren Alessandra Amoroso, Levante und Sayf angekündigt. Dazu kam die große Tradition Süditaliens: Peppe Barra, eine zentrale Figur des neapolitanischen Theaters und Liedes, erhielt den Preis für das Lebenswerk 2026 der Stiftung und trat am selben Abend auf.
Weiter im Programm: Antonio Castrignanò mit den Bottari di Macerata Campania in einem Programm, das uralte Rhythmen mit heutigen Einflüssen verbindet; Davide Ambrogio mit dem Projekt Mater Nullius; Delia Buglisi mit Sicilia Bedda; Pierpaolo Vacca mit Ballu Travessu; der Tenore Supramonte; Senduki; Zinharua und das Nubras Ensemble. Beim Tanz standen die Kompanie Tarantarte, die Briganti di Terra d’Otranto und die Makarìa im Mittelpunkt.
Viel Raum bekam auch die elektronische Musik: Die Tradition der Pizzica traf auf zeitgenössische Klänge mit Trevize, Kalàscima, Inude und dem Canzoniere Grecanico Salentino. Die vollständige Liste der Künstler und der Auftritte auf den einzelnen Etappen hat die Stiftung im Lauf des Sommers veröffentlicht.
Vom Heilritual zum Festival mit 100.000 Menschen. Das Festival entstand 1998 aus einer Idee von Sergio Blasi und der Arbeit des Musikforschers Luigi Chiriatti: Die Tradition der Pizzica pizzica und des Tarantismus sollte gerettet werden, bevor sie ganz verschwand. In weniger als dreißig Jahren wurde daraus das größte Volksmusikfestival Italiens – jedes Jahr kommen mehr als 100.000 Menschen zum Concertone nach Melpignano, live übertragen von der RAI und begleitet von internationalen Medien. Laut dem Osservatorio sui consumi culturali degli Italiani 2025 (Beobachtungsstelle für den Kulturkonsum der Italiener) von Confcommercio, durchgeführt von SWG, steht die Notte della Taranta bei Anziehungskraft und symbolischem Wert auf dem dritten Platz der italienischen Kulturereignisse – nach dem Filmfestival von Venedig und der Biennale, noch vor Umbria Jazz und dem Giffoni Film Festival.
Pizzica und Tarantismus: die Wurzeln des Festivals
Ziel der Notte della Taranta ist es, die Pizzica lebendig zu halten – eine alte Musik, die mit einem Heilritual gegen den eingebildeten Biss der Tarantel verbunden war. Heute mischt das Festival die Tradition mit Weltmusik, Rock, Jazz und sinfonischer Musik.
Der Tarantismus: als die Pizzica eine Medizin war. Man glaubte, der Biss der Tarantel löse einen Zustand der Unruhe und Besessenheit aus, den nur Musik und Tanz heilen konnten. Die Tarantate, die «Gebissenen» – fast immer Frauen –, tanzten stundenlang wie im Rausch, begleitet von Schellentrommel, Geige und Handharmonika. Der Ethnologe Ernesto de Martino erforschte das Phänomen in den Fünfzigerjahren; sein grundlegendes Buch La terra del rimorso erschien 1961. Als gelebte Praxis ist der Tarantismus verschwunden. Geblieben sind die Musik, der Tanz und ein Festival, das Melpignano jeden August ins Zentrum der Welt rückt. Mehr dazu lesen Sie in unserem Beitrag über den Tarantismus und die Kapelle von Galatina.
Der Concertone ist vorbei, die Diskussion nicht. Jedes Jahr, sobald die Übertragung endet, kehrt im Salento dieselbe Debatte zurück: wenige Einheimische im Team, Entscheidungen, die anderswo fallen, ein Platz, der sich mitten im Konzert leert, weil ein Teil des Publikums lieber im eigenen Kreis tanzt – der Ronda, dem traditionellen Tanzkreis. Die Diagnose stimmt, sagen wir. Aber der Schuldige, auf den alle zeigen, ist der falsche: Es ist weder das Fernsehen noch Mailand.
Anreise und Übertragung
Der Concertone wird live von der RAI und von Radio 2 übertragen. Wer selbst nach Melpignano fahren möchte: Die Regionalbahn Ferrovie del Sud Est setzt zum Concertone eigene Busse und Sonderzüge aus verschiedenen Orten Apuliens ein. Weitere Feste und Termine finden Sie auf unserer Seite Feste und Veranstaltungen in Apulien.
Häufige Fragen zur Notte della Taranta
Wann findet die Notte della Taranta statt?
Jedes Jahr im August. Die Etappen in den Orten des Salento beginnen Ende Juli und laufen bis kurz vor dem Finale; der Concertone in Melpignano findet gegen Ende August statt. Die genauen Termine veröffentlicht die Stiftung jedes Jahr auf lanottedellataranta.it.
Wer war 2026 der Maestro Concertatore?
Ermal Meta, der in Albanien geborene und in Bari aufgewachsene Liedermacher. Die Stiftung wählte ihn passend zum Mittelmeer-Motto der Ausgabe.
Wo findet das Festival statt?
In Apulien, im Salento, mit dem Abschlusskonzert in Melpignano in der Provinz Lecce. Die Etappen verteilen sich auf rund zwanzig Gemeinden, viele davon in der Grecìa Salentina.
Wer stand 2026 auf der Bühne?
Angekündigt waren unter anderen Alessandra Amoroso, Levante, Sayf und Peppe Barra (Preis für das Lebenswerk 2026), dazu Antonio Castrignanò, Davide Ambrogio, Delia Buglisi, Pierpaolo Vacca, der Tenore Supramonte, der Canzoniere Grecanico Salentino und weitere.
Was kostet der Eintritt?
Der Concertone in Melpignano ist kostenlos. Einzelne Begleitveranstaltungen auf den Etappen können etwas kosten; die aktuellen Angaben stehen im offiziellen Programm auf lanottedellataranta.it.
Wofür steht die Notte della Taranta?
Sie ist das größte Volksmusikfestival Italiens, der Pizzica des Salento und der Tradition des Tarantismus gewidmet. Sie feiert die Kultur des Salento mit Musik, Tanz, Begegnungen und Workshops – und hält das Griko hörbar, den Dialekt griechischen Ursprungs, der in einigen Gemeinden der Grecìa Salentina noch gesprochen wird.
Wie kommt man nach Melpignano?
Die Ferrovie del Sud Est bieten zum Concertone Shuttlebusse und Sonderzüge aus verschiedenen Orten Apuliens nach Melpignano an.






